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Selektiver Mutismus

Tiefgehende Informationen, rund um das Thema Selektiver Mutismus für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen. Verfasst von einer ehemaligen Betroffenen.  

Kamala Kiby Profil Bild

Schön, dass du hier gelandet bist! Ich bin Kamala, Selektiver Mutismus ist Teil meines Lebens.

Ich bin Sozialwissenschaftlerin, Buchautorin und beschäftige mich bereits seit mehr als 10 Jahren intensiv mit dem Thema “selektiver Mutismus”. Als ehemalige Betroffene unterstütze ich heute Menschen, die mit selektivem Mutismus konfrontiert werden. Ich ergründe das Zusammenspiel von Gesellschaft und selektivem Mutismus und beschäftige mich mit entwicklungspsychologischen Aspekten. 

Für wertvolle Tipps und Mutismus-Hilfe folge mir auf Social-Media.

Was ist Mutismus (bei Kindern)?

Mutismus tritt meist im frühen Kindesalter zutage und wird auch “psychogenes Schweigen” genannt. Betroffene Kinder können in spezifischen sozialen Situationen nicht kommunizieren und bleiben still, obwohl sie sprechen können.

Fachleute der WHO ordnen den Mutismus den Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit zu und klassifiziert sie als  Verhaltensstörungen und emotionale Störung. Selektiver Mutismus tritt meist schon im frühen Kindesalter auf. Daher kommt der Begriff frühkindlicher Mutismus.

Mutismus Definition

Mutismus ist per Definition eine Kommunikationsstörung bei, der Betroffene in spezifischen sozialen Situationen schweigen, obwohl bei ihnen (meistens) keine Sprachstörungen oder Sprachentwicklungsverzögerungen vorliegen.

Wie entsteht Mutismus?

Mutismus gilt zwar als Unterform einer Angststörung, verhält sich allerdings viel mehr wie ein Symptom von einem darunterliegenden psychischen Problem. Diese darunterliegenden Ursachen und Grunderkrankungen können verschiedenster Natur sein. Folgende habe ich während meinem eigenen Mutismus, dem Kontakt zu unterschiedlichen Mutisten und ihren Eltern beobachtet.

Was sind die Ursachen von (selektivem) Mutismus?

Es ist keine einzelne Ursache für selektiven Mutismus bekannt. Die Forscher lernen immer noch über Faktoren, die zu selektivem Mutismus führen können, wie zum Beispiel: Eine Angststörung, schwierige familiäre Beziehungen, unbehandelte psychologische Probleme.

Risikofaktoren für selektiven Mutismus

  • Vererbte Tendenzen zu Angst und Selbstscham
  • Hochsensible und sensitive Wahrnehmung
  • Traumatische Erfahrungen
  • Familiäre unaufgelöste Themen
  • Ein ängstliches Elternteil als Vorbild
  • Tod eines Angehörigen
  • Flucht in ein anderes Land, Migration & Kulturfremdheit
  • Missbrauch (psychisch, emotional, körperlich)
  • Mehrsprachigkeit (Bilingual)
  • Kulturunterschiede zwischen familiärem Umfeld und dem äußeren sozialen Umfeld
  • Kriegstrauma
  • Gesellschaftskritische oder das Außen ablehnende Familienstrukturen
  • Frühgeburt
  • Mehrfachgeburt
  • Unsicherheit durch Sprachfehler
  • Zeitliche Trennung von Mutter und/oder Vater
  • Hochsensible, hochsensitive Persönlichkeit

Grunderkrankungen bei selektivem Mutismus

  • Sozialphobie
  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, frühkindliche Persönlichkeitsstörung (Borderline)
  • Autismus mit verschiedenen Unterformen
  • Unsichere/vermeidende Persönlichkeitsstörung
  • Pathologische Schuldgefühle
  • Mangel am Botenstoff Serotonin
  • Überaktivität der Amygdala

Ist Mutismus heilbar?

Aufgrund der unterschiedlichen Ursachen, wäre es sehr gewagt grundsätzlich zu sagen, dass Mutismus heilbar ist. Wenn die Grunderkrankung heilbar oder eliminierbar ist, dann wird auch das Symptom des Nicht-Sprechens verschwinden.

Selektiver Mutismus bedeutet “Aufgrund psychischer Faktoren nicht Sprechen können in bestimmten sozialen Situationen”. Dieses Symptom ist aus meiner Erfahrung in nahezu allen Fällen heilbar.

Schwieriger wird es, die darunterliegenden Grunderkrankungen anzugehen, welche fast immer zurückbleiben, wenn eine Kind oder ein erwachsener Betroffener mit dem Sprechen beginnt. Auch wenn es nur wenige Worte sind, liegt bereits offiziell kein selektiver Mutismus mehr vor. Doch hier beginnt die eigentliche Arbeit. Viele ehemalige Betroffene leiden unter den zurückbleibenden selbst-unsicheren Gefühlen.

 

Folgen von Mutismus

Aufgrund des Nicht-Sprechens beim selektiven Mutismus bleiben Betroffene in der Entwicklung des Ich-Gefühls in spezifischen sozialen Situationen zurück. Sie üben nicht, wie andere Kinder, Konflikte auszutragen, sich zu behaupten, zu diskutieren und ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Häufig sind Kinder mit selektivem Mutismus von Mobbing und Ausgrenzung betroffen, was zu weiteren psychischen Problemen und Folgetraumata führt.

Im Schulsystem gehen sie oft unter und werden übersehen oder fälschlicherweise als frech, stur und bockig verurteilt.

Mutismus Erwachsene: Das Mutismus-Echo

 

Während einige Kinder schweigsam bleiben, beginnen andere mit dem Sprechen. Im Erwachsenenalter fühlen sich ehemalige Mutisten ohne Hilfe oft ausgeliefert und orientierungslos. Und das, obwohl sie mit der richtigen Therapie und Unterstützung ein weitaus besseres Leben führen könnten. Was zurückbleibt sind Traumata von Erfahrungen, die durch den Mutismus entstanden sind. Mutisten entwickeln sich durch ihr stillen und beobachtendes Verhalten anders. Sie zeichnet eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe aus, doch in zwischenmenschlichen Bereichen bleibt die Entwicklung zurück. Kinder mit selektivem Mutismus sind in den meisten Fällen genauso intelligent, wie ihre Mitmenschen. Doch aufgrund von fehlenden Möglichkeiten, sich in sozialer Interaktion zu üben und zwischenmenschliche Auseinandersetzungen auszutragen, entwickeln sie sich anders.

Im Gegensatz dazu sind Mutisten in anderen spezifischen Bereichen weiter entwickelt als ihr Umfeld. Sie haben vom ersten Tag im Kindergarten an, das Treiben anderer beobachtet. So haben Menschen mit selektivem Mutismus in der Regel eine außerordentliche soziale Ader und Beobachtungsgabe von sozialen Konstrukten. Sie erkennen unaufrichtige Menschen bereits nach wenigen Sätzen. Hierarchischen Verhaltensweisen in Teams und Berufen sind sie direkt verschreckt.

Die Gute Nachricht ist: Auch Erwachsene haben eine Chance, sich davon zu erholen und einen angemessenen Umgang mit dem ehemaligen Mutismus und den zurückbleibenden psychischen Problemen zu finden.

Entscheidend ist die Überwindung von Untergelegenheitsgefühlen und die Identifikation des eigenen Selbst-Gefühl in Gegenwart anderer. Wichtig ist die Begleitung auf diesem Weg, da Betroffene dazu neigen sich selbst mit den Augen anderer schlecht zu bewerten. Das geht bis hin zu dem Missdeuten von Gesichtsausdrücken (Über-Empathie). Oft ecken diese Menschen in der Gesellschaft an oder haben Angst vor Auseinandersetzungen mit Außenstehenden. Da äußerlich vom Mutismus nur schwer noch etwas zu erkennen ist, haben Erwachsene Menschen mit mutistischen Zügen Probleme damit, Gehör für ihre Anliegen zu finden. Was für eine Ironie. Dieses Phänomen nenne ich das Mutismus-Echo.

Wie häufig ist Mutismus?

Mutismus hat in den letzten Jahren deutlich an Bekanntheit zugenommen. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Daher lassen sich keine zuverlässigen Aussagen über die Häufigkeit treffen.

Man geht von etwa 2,5 % der Gesamtbevölkerung in westlich geprägten Ländern aus. Bei Mädchen wird Mutismus häufiger als bei Jungen diagnostiziert.

Boy and girl playing jenga

Sind von Mutismus wirklich mehr Mädchen als Jungen betroffen?

Offiziell sind mehr Mädchen als Jungen von selektivem Mutismus betroffen. Diese Aussage halte ich nicht für valide, da sie ausschließlich daraus hervorgeht, wie viele Diagnosen gestellt wurden.

Jungen und Mädchen werden unterschiedlich sozialisiert und mit anderen Werten aufgezogen. Es könnte sein, dass durch Erziehungsunterschiede bei Jungen das Mutismus-spezifische Schweigen schneller überwunden wird. Die psychische Komponente jedoch kann erhalten bleiben.

Unterschiede in der Wahrnehmung von Therapeuten zwischen Jungen und Mädchen sind wenig erforscht, jedoch bekannt.

So gibt es beispielsweise grundsätzlich die Annahme, dass Jungen häufiger an ADHS und Autismus erkranken, was zu Fehldiagnosen führen kann. Die Symptome überschneiden sich häufig.

Unterschiedliche Formen von Mutismus

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen von Mutismus. Diese reichen von leichten Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten sozialen Situationen außerhalb des familiären Umfelds, über das Schweigen und das körperliche Einfrieren ausschließlich im familiären Umfeld bis hin zum totalen Schweigen und keiner Körpersprache mehr in beiden sozialen Bereichen.

1. Selektiver Mutismus und Elektiver Mutismus

Selektiver und elektiver Mutismus beschreiben die gleiche Form von Mutismus. Früher wurde der Begriff elektiver Mutismus verwendet, was zu Fehlannahmen führte. Da „elektiv“ (aus dem Englischen election: Wahl) vermuten lässt, dass es sich bei dem Schweigen um eine Entscheidung handelt, die von der erkrankten Person selbst getroffen wird.

Daher setzt sich mittlerweile der Begriff „Selektiver Mutismus“ durch. Mutismus ist keine Wahl und Betroffene leiden sehr darunter, sich nicht ausdrücken zu können. Daher werde ich auf dieser Seite aus Respekt gegenüber Betroffenen ausschließlich von „selektivem Mutismus“ sprechen.

2. Selektiver Mutismus  –  außerhalb des familiären Umfelds

Der selektive Mutismus bezeichnet das Schweigen außerhalb des gewohnten und familiären Umfelds. Betroffene wählen eine familieninterne Schutz-Person aus, zu der sie eine symbiotische Bindung aufbauen. Meistens die Mutter.

3. Interfamiliärer selektiver Mutismus –  Schweigen innerhalb des familiären Umfelds

Der innerfamiliäre selektive Mutismus bezeichnet das Schweigen innerhalb des gewohnten und familiären Umfelds. Es fällt Betroffenen schwer, eine vertrauensvolle Bindung zur Familie aufzubauen. Diese Form des Mutismus tritt sehr selten auf.

Beschreibungen zu dem innerfamiliären selektiven Mutismus meinerseits stammen von zwei Personen, die Kontakt zu mir aufgenommen haben und mir davon berichteten. Die Forschungslage ist verschwindend gering und das Phänomen ist sehr unbekannt.

4. Totaler Mutismus

Beim totalen Mutismus sprechen Betroffene weder mit der Familie noch mit Außenstehenden.

5. Akinetischer Mutismus

Beim Akinetischen Mutismus fehlenden Ausdruck von Mimik, Gestik und Sprache in allen Lebensbereichen. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie. Akinetischer Mutismus ist seltener als selektiver Mutismus.

Gängige Diagnosekriterien für selektiven Mutismus

Um den Selektiven Mutismus sicher diagnostizieren zu können, werden Leitlinien herangezogen. Diese sind zu finden im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM) und in der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD). Diese Leitlinien werden fortlaufend aktualisiert und überarbeitet.

Folgende Beschreibungen sind gängige Kriterien, um den selektiven Mutismus zu diagnostizieren. 

A

Fortlaufender Ausfall des Sprechens in spezifischen sozialen Situationen (in denen das Sprechen erwartet wird, z.B.: in der Schule), während in anderen Situationen gesprochen wird.

B

Schulische und berufliche Leistungen oder die soziale Kommunikation werden dadurch beeinträchtigt.

r

C

Die Beeinträchtigung dauert mindestens einen Monat an (ist nicht auf den ersten Monat in der Schule beschränkt).

w

D

Das Versagen der Sprache entsteht nicht aus fehlenden Kenntnissen der Sprache oder weil Betroffene die Sprache nicht sicher sprechen können.

Fehldiagnosen verhindern: Die zwei unverwechselbaren Symptome bei Mutismus

Bei Mutismus gibt es auf den ersten Blick Überschneidungen mit Autismus und angeblich auch Adhs (was ich nicht nachvollziehen kann). Die zwei folgenden Symptome deuten jedoch unverwechselbar auf selektiven Mutismus hin:

Die zwei Gesichter des selektiven Mutismus

Das deutlichste Symptom vom selektiven Mutismus sind die zwei Gesichter, die der Betroffene in sich trägt. Was ist damit gemeint? Betroffene verhalten sich je nach spezifischer sozialer Situation so unterschiedlich, dass es einem Persönlichkeitswechsel gleichkommt.

Viele Kinder verhalten sich zu Hause oder alleine mit einem Elternteil wortgewandt, aufgeweckt und durchsetzungsfähig.

Sobald sie sich jedoch der Eingangstür zu Schule oder Kindergarten nähern, frieren Kinder mit selektivem Mutismus ein. Gestik, Mimik und sprachlicher Ausdruck werden auf ein Mindestmaß reduziert und der Blick wird leer und auf den Boden gerichtet. Es ist, als würde das Kind in sich selbst verschwinden.

Für Therapeuten ist dieses Symptom schwer zu erkennen, da sie selbst zunächst oder auch fortwährend nur eines der beiden Gesichter kennenlernen. Die Diagnosestellung ist dennoch möglich. Hier sind Psychotherapeuten auf die Erzählungen der Eltern angewiesen.

Ein weiteres deutliches Zeichen ist das Flüstern beim selektiven Mutismus. Betroffene sprechen zwar nicht laut, antworten hier und da aber flüsternd gegenüber auserwählten Personen.

Fehldiagnosen und Therapeutenwahl

Fehldiagnosen sind häufig, da ähnliche Kriterien ebenfalls auf andere psychische Krankheiten zutreffen. Die Beschreibungen sind ziemlich wage, was die Diagnosestellung weiter erschwert. Zudem ist selektiver Mutismus vielen Therapeuten einfach unbekannt, da die Kommunikationsstörung/Angststörung in der Ausbildung nur spärlich behandelt wird. Fehldiagnosen führen zu falschen Folgebehandlungen.

Nicht alle Therapeuten kennen sich mit Mutismus aus oder verstehen die Not, in der Betroffene sich befinden. Das führt leider zu weitgehenden Problemen.

Ist Mutismus eine Form des Autismus?

Nein, im Gegensatz zu häufigen Annahmen, ist Mutismus keine Form des Autismus. Allerdings kann beides zur gleichen Zeit auftreten und Mutismus kann durch Autismus entstehen, jedoch niemals umgekehrt. Autismus ist eine der häufigen Fehldiagnosen bei Mutismus.

Es gibt einen besonders entscheidenden Unterschied zwischen Autismus und Mutismus. Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die bis heute unheilbar ist. Der Mutismus ist eine Kommunikationsstörung mit häufiger Komorbidität von Angststörungen als Auslöser. Das Schweigen gilt als gut behandelbar. Die psychische und kommunikative Komponente hingegen geht tiefer und es dauert länger, bis sich Ängste auflösen.

Buch: Leben mit Mutismus

Wenn Kinder schweigen, können sich Angehörige, Freunde und andere Kontaktpersonen meist nicht in diese verschlossene Welt der Betroffenen hineinversetzen. Sie stehen dem Schweigen und den plötzlichen Wutausbrüchen hilflos gegenüber.

Die Suche nach professionellem Rat ist nicht selten mit einer Odyssee durch die medizinischen Instanzen verbunden.
Kamala Kiby gibt mit der Beschreibung ihrer eigenen Erfahrungen einen Einblick in die Wahrnehmungs- und Gefühlswelt von Mutisten. Das Buch soll Mut machen, den eigenen Weg zu finden.

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Seit mehr als 10 Jahren helfe ich Eltern, Betroffenen, Therapeuten und Logopäden, die “feststecken” und sich durch den Mutismus wie in einer Sackgasse fühlen. Gemeinsam finden wir eine Lösung und einen konkreten Schritteplan mit Anleitung, damit es weitergehen kann.

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