Wissenschaftler haben herausgefunden, dass selektiver Mutismus und Autismus oft Hand in Hand gehen. Die Erkenntnisse: Es ist wahrscheinlich, dass mehr Betroffene des selektiven Mutismus von neurologischen Entwicklungsstörungen betroffen sind, als bisher angenommen. Doch lies selbst …

Mutismus und Autismus - kann das zusammen auftreten?

In den letzten Jahren hat sich wie selbstverständlich ein Missverständnis verbreitet. Dieses wurde nicht selten auch von Fachpersonen im Netz geteilt. Die Annahme, dass selektiver Mutismus und Autismus sich gegenseitig ausschließen. Das heißt: Angeblich könne ein Kind mit selektivem Mutismus keinen Autismus haben und ein autistisches Kind könne von selektivem Mutismus nicht betroffen sein.

Neueste Forschungen haben diese Annahme auf den Kopf gestellt. Es zeigte sich, dass Kinder Betroffene von selektivem Mutismus häufiger auch von autistischen Merkmalen betroffen sind, als bisher angenommen. Betroffene von Autismus signifikant häufiger selektiven Mutismus entwickeln, im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung. Zumindest deuten neuere Studien laut der Forscher seit 2018 genau darauf hin.

Hochspezialisiertes Diagnosezentrum untersucht die Überschneidung

Ein hoch spezialisiertes Autismus-Diagnosezentrum wurde damit beauftragt, die Prävalenz (Vorkommen in Prozent) dieses Phänomens zu untersuchen, und brachte erstaunliche Ergebnisse hervor: 63 % von 97 Teilnehmern zeigten Symptome beider Bedingungen. Diese hohe Prozentzahl zeigt eindeutig, wie wichtig es ist, Kenntnisse von Fachpersonen im Bereich des selektiven Mutismus zu erweitern.  Ein unausweichlicher Baustein dafür ist es, die Diagnosekriterien in DSM-5 und ICD 11 zu verfeinern. Nur so können Kinder mit selektivem Mutismus und autistischen Merkmalen von denen unterschieden werden, die nur Mutismus haben. Das ist für die angemessene Behandlung von äußerst großer Bedeutung. 

Doch mit diesem Wissen können auch Eltern besser für ihre Kinder eintreten und auf eine ausführlichere Diagnostik bestehen.

So wurde die Studie über Mutismus und Autismus durchgeführt ...

Die Studie umfasste 97 Teilnehmer im Alter von 4 bis 18 Jahren mit durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen IQs. Bemerkenswert ist, dass Kinder, die ausschließlich unter selektivem Mutismus litten (ohne Autismus), höhere IQs aufwiesen.  

Was die Forscher leider nicht erwähnen: Der IQ von Betroffenen des selektiven Mutismus ist höher, wenn er im gewohnten (nicht mutistischen) Umfeld gemessen wird. Das ist zum einen logisch. Stell dir einfach vor, du müsstest logische Denkaufgaben lösen, während du gerade in einer Angststarre bist (Bsp.: In 50 Metern Höhe an einem Seil). Innere Ruhe macht intelligenter. 

Der Einfluss von Voreingenommenheit der Wissenschaftler bei Studien

mit auWenn ich solche Studien lese, bin ich als Betroffene sehr aufmerksam. Grund dafür ist der sogenannte Forscherbias.

Forscherbias bedeutet, dass die Erwartungen der Forscher ihre Ergebnisse beeinflussen können. Das passiert, wenn Forscher unbewusst dazu neigen, Ergebnisse zu finden, die ihren eigenen Überzeugungen entsprechen. In dieser Studie kann das natürlich nicht ausgeschlossen werden. Um dieses zu minimieren, sollten Studien idealerweise zweimal durchgeführt werden, um die Zuverlässigkeit sicherzustellen.

Die Studie weist meiner Meinung nach eine weitere Schwäche auf: Es wurde nur ein auf Autismus spezialisiertes Forschungszentrum beauftragt, jedoch kein aus Mutismus spezialisiertes. Da sich die beiden Erscheinungsbilder sehr ähneln, hätte die Zusammenarbeit zweier Forschungszentren die Ergebnisse viel bedeutender gemacht und eventuelle Zweifel beseitigt.

Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich daher eine zweite Studie angesehen, welche ähnliche Forschung betrieben hat. 

In einer weiteren Studie identifizierten Forscher ähnliche Überschneidungen zwischen selektivem Mutismus und Autismus. Das Interessante dabei:  Die Überschneidungen gab es insbesondere bei Kindern. Etwas weniger bei Erwachsenen. Daraus lässt sich vermuten, dass Kinder mit autistischen Merkmalen bei entsprechender Unterstützung quasi herauswachsen. Es könnte jedoch auch bedeuten, dass Erwachsene lernen, sich anzupassen .. oder … oder.  Ein interessantes Thema, das hier zu weit gehen würde.

Wichtige weitere Erkenntnisse der Studien: Es wurde dagegen kein direkter Zusammenhang zwischen der Ausprägung des selektiven Mutismus und der Ausprägung von autistischen Symptomen gezeigt. Das heißt: Mutismus und Autismus sind weiterhin als voneinander getrennte Erscheinungen zu betrachten.

Was bedeutet das für die zukünftige Behandlung und Förderung von Kindern mit selektiven Mutismus?

Da Laut Forschern sollten Kinder mit selektivem Mutismus in schulischen Umgebungen ähnliche Unterstützung erhalten, wie diejenigen mit Autismus. Das bedeutet: Ein großer Anteil von Kindern mit selektivem Mutismus sollten nicht nur Hilfe bei der verbalen Kommunikation bekommen, sondern auch maßgeschneiderte Interventionen für Kinder mit autistischen Merkmalen. 

Diese Studien hinterfragen, was wir bisher über selektiven Mutismus und Autismus dachten. Sie zeigen, dass beides häufiger zusammenhängen könnte, als bisher angenommen. Die Wissenschaftler schlagen vor, dass wir Autismus und Mutismus gemeinsam betrachten. Zudem legen sie nahe, dass Kinder mit selektivem Mutismus sowohl in der Therapie als auch in der Schule dieselbe Behandlung bekommen sollten, wie Kinder mit autistischen Merkmalen. 

Das wiederum stelle Meiner Meinung nach sollten eben die Kinder, die tatsächlich autistische Merkmale haben, auch dementsprechend behandelt werden. Stattdessen laufen wir erneut Gefahr, alle Kinder unter einen Hut zu packen und gleichzubehandeln. Ungeachtet dessen, dass sie von unterschiedlichsten Grunderkrankungen betroffen sind: Sozialphobie, Trennungsangst, ADHS, (Asperger) Autismus, Trauma, Depression, … . Jede dieser Erkrankungen braucht eine eigene Diagnostik und einen Therapieplan, der auf das individuelle Erscheinungsbild des Kindes zugeschnitten ist.

Ebenso sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Kinder mit autistischen Merkmalen ebenfalls unter einer Angststörung leiden, wenn sie selektiv mutistisch sind. Darum brauchen sie ebenfalls Hilfe bei ihrem Weg aus der Angst.

 

Ich habe niemals die Meinung vertreten, dass Kinder mit selektivem Mutismus nur bezüglich des lauten Sprechens behandelt werden. Ihre Angststörung macht ihnen das Leben schwer. Das laute Sprechen zu fördern ist eine unheimlich wichtige Symptom, das völlig unabhängig von der Grunderkrankung, nämlich dem Angst-Freezing” angegangen werden sollte. Denn das Sprechen ist für die Entwicklung der eigenen Identität und einem gesunden Selbstbewusstsein unabdingbar.

 

Wie du als Elternteil wieder handlungsfähig werden kannst:

In meinem Kurs Modul 1 erfährst du, wie du dein Kind von innen heraus stärken kannst. Vielen Kindern fehlt der innere Antrieb zum lauten Sprechen. Das bringt dich als Elternteil in eine wahnsinnig schwierige Lage. Denn du versuchst von außen etwas zu bewirken. Dein Kind wird es sein, das irgendwann die Kraft für die lauten Worte aufbringen muss. Darum geht es darum, diese Kraft zu entwickeln. Wie du dein Kind stärkst und motivierst, selbst anzufangen, laut sprechen zu wollen, erfährst du hier.

Das könnte dich auch interessieren

Unerwartete Verbindung: Wie Mutismus und Autismus zusammenhängen

von | Feb 11, 2024 | Uncategorized | 0 Kommentare

Unerwartete Verbindung: Wie Mutismus und Autismus zusammenhängen

von | Feb 11, 2024 | Uncategorized | 0 Kommentare

Unerwartete Verbindung: Wie Mutismus und Autismus zusammenhängen

von | Feb 11, 2024 | Uncategorized | 0 Kommentare

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Share This
Datenschutz
, Inhaber: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.
Datenschutz
, Inhaber: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.